Copyright 2017 - © Berufskolleg Eifel in Kall, Jochen Engels

Milad Kakone ist 25 Jahre alt. Bevor er am Berufskolleg Eifel Schüler unserer Friseurunterstufe wurde, lebte er seit erst neun Monaten hier in Deutschland. Wir, die Klasse FR 16, befragten ihn jetzt nach seinem bisherigen Werdegang. Milads Asylantrag wurde vor kurzem positiv entschieden. 

 

Frage: 

Milad, du bist aus dem Irak. Wie bist du zu uns nach Deutschland gekommen? 

Milad: 

Ich stamme aus dem irakischen Ort Ankawa in der Nähe der Stadt Erbil. Dort führte mein Vater einen Herrenfriseursalon. Ich selbst bin 25 Jahre alt und habe im Irak als Informatiker gearbeitet. Ich bin geflüchtet, als die ISIS nur noch 20 Minuten von meinem Heimatort entfernt war. Mein Bruder ist im Ort geblieben, er wird zum Priester ausgebildet. Meine beiden Schwestern, ich und meine Eltern sind aus dem Irak über die Türkei nach Deutschland geflohen, um dort Frieden und Sicherheit zu finden. Wir konnten nichts mitnehmen. Bis Anfang des Jahres haben wir noch in einem Zelt in Soest gelebt. Unsere erste Stadt war dann Bonn, denn wir hatten dort Verwandte. Anfangs lebten wir mit fünf Personen in einem Zimmer. Jedoch bewohnen wir seit dem 15. April diesen Jahres eine Altbau-Dachwohnung in Großvernich bei Weilerswist. 

Am 01.11.16 habe ich die Anerkennung meines Asylantrags erhalten. Die Anerkennung meiner schulischen Abschlüsse läuft aber noch. Das dauert immer länger. Mein Abitur wird in Deutschland aber nur als Mittlere Reife anerkannt werden. 

Frage: 

Wie ist deine Entscheidung für den Friseurberuf zustande gekommen? 

Milad: 

Ich habe hier sofort Deutsch gelernt. Da es anfangs keine Deutschkurse gab, habe ich Deutsch zunächst aus einem Skript gelernt. 

Bei meinem ersten Zahnarztbesuch habe ich stundenlang im Wartezimmer gewartet und kam einfach nicht dran. Ich wusste nicht, dass man sich hier in einer Arztpraxis zuerst anmelden muss. Im Wartezimmer habe ich aber über Blickkontakt Herrn Raffeld kennengelernt und konnte mich mit ihm schließlich in englischer Sprache verständigen. Er war früher Lehrer für Deutsch und Musik an einem Gymnasium in Erftstadt. Er bot mir an, täglich mit mir das Basiswissen Deutsch zu trainieren und darüber hinaus hat er mir alles Wichtige über das Leben in Deutschland erklärt. 

Während meines VHS-Kurses zum Einstieg in die Sprachniveaustufe B1 musste ich ein 10-tägiges Praktikum absolvieren. Es diente vorrangig nur der Spracherprobung. Da ich früher im Herrensalon meines Vaters sehr oft ausgeholfen habe, fragte ich im Friseursalon Thater in Weilerswist für eine Praktikumsstelle. Da ich praktisches Vorwissen im Friseurfach mitbringen konnte, hoffte ich, während des Praktikums auch eine gute Hilfe für meinen Chef zu sein. Herr Thater nahm mich als Praktikant an und hatte einen sehr guten Eindruck von mir und meiner Arbeit bekommen. 

Nach dem Besuch des Deutsch- und Orientierungskurses hatte ich die Berechtigung zur Aufnahme einer Ausbildungsstelle erworben. Ich entschied mich, beim Friseurmeister Thater eine Bewerbung für eine Ausbildung als Friseur abzugeben. Glücklicherweise bot er mir die Chance, in seinem Betrieb eine Friseurlehre zu absolvieren. Seit August besuche ich deshalb den Berufsschulunterricht im Berufskolleg Eifel. 

Frage: 

Was sagst du zu deiner Arbeit im Ausbildungsbetrieb? 

Milad: 

Erfahrung hatte ich leider nur im Bereich des Herrensalons. Neu ist für mich, dass ich jetzt die vielen verschiedenen Arbeiten im Damensalon kennenlernen kann. Vieles im Betrieb ist neu für mich, weil es anders ist als im Irak. So kannte ich das Arbeiten auf Termin bisher gar nicht. Im Irak haben alle Kunden gewartet, bis sie dran kamen. Wir haben nicht nach Terminkalender gearbeitet. 

Frage: 

Wie erlebst du hier in Deutschland die Menschen deiner Umgebung? 

Milad: 

Die Menschen hier sind sehr nett zu mir. Ich erhalte viel Hilfe von den Mitbürgern. Wenn ich z.B. mal irgendwohin muss, finde ich jemanden, der mich mit dem Auto mitnimmt. Ich behandele grundsätzlich jeden Menschen mit Respekt und mache die Erfahrung, dass diese Menschen mich ebenfalls respektvoll behandeln. 

Anfangs habe ich geglaubt, die Menschen kommen auf mich zu, weil ich neu ins Land gekommen bin. Aber im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, dass es anders ist. Ich muss auf die Menschen zugehen. Das mache ich und jetzt habe ich viele Kontakte zu Deutschen knüpfen können. Um die deutsche Sprache zu erlernen, bin ich z.B. Mitglied in drei Chören in Weilerswist geworden: Der Kölsch-Chor, der katholische sowie der evangelische Kirchenchor aus Groß-Vernich. Hier konnte ich nicht nur meine Sprachkenntnisse erweitern, sondern auch Leute kennenlernen, Kontakte knüpfen, mit Leuten sprechen und feiern. 

Frage: 

Was ist dein langfristiges Ziel? 

Milad: 

Selbstbestimmt leben! Ich möchte nicht immer auf Ämter angewiesen sein. Hier in Deutschland braucht man für alles Papiere. Die muss ich jetzt sammeln, z. B. über meine berufliche Ausbildung. Ich habe das Ziel, die Ausbildung abzuschließen, dann die Meisterprüfung abzulegen. Anschließend möchte ich in einer großen Stadt, z. B. Köln, einen Salon eröffnen und meinen Vater einstellen. Er könnte dann wieder als Friseur arbeiten. 

Frage: 

Hast du auch Angst hier in Deutschland ? 

Nein, ich habe hier keine Angst. Überall waren in Deutschland für mich die Türen offen. Deutschland ist für mich ein Traum. Ich habe bisher so viel erreicht, wie ich es zuvor nicht zu träumen gewagt habe. Ich denke, es ist sehr ungünstig, ziellos zu sein, wenn man hierher kommt. Wer ein Ziel hat, der kann in Deutschland was machen und vorwärts kommen. Jetzt habe ich z. B. den ersten Platz beim Wettbewerb der Friseur-Azubis in Aachen gewonnen. Ich werde immer aktiv und schaue grundsätzlich nach vorne. Ich sehe nicht zurück und denke immer positiv. Das ist auch das, was ich gerne anderen Flüchtlingen als Rat mitgeben möchte.

Milad, herzlichen Dank für das Interview! 

Text/Bild: Klasse FR16 / T. Middelkoop-Kempen

Alle Berichte des Schuljahres 2016/17

Alle Berichte des Schuljahres 2015/16